Google I/O und Google Marketing Live 2026: Was sich im Online Marketing ändert

Google hat letzte Woche zwei Events in zwei Tagen abgehalten. Am 19. Mai das Google I/O, die jährliche Entwicklerkonferenz, auf der neue Modelle und Technologien vorgestellt werden. Am 20. Mai direkt im Anschluss das Google Marketing Live, das Event speziell für Marketer und Agenturen, auf dem Google erklärt, was diese Technologien für Werbetreibende konkret bedeuten. Beide Events zusammen zeichnen ein recht klares Bild: Google baut seine gesamte Plattform konsequent auf KI-Agenten um, und das betrifft Search, Werbung und Commerce gleichzeitig.

Dieser Beitrag fasst die relevantesten Ankündigungen zusammen und ordnet ein, was davon für Online-Marketing-Verantwortliche wirklich wichtig ist und was erst mal abgewartet werden kann.

Google Search wird zum KI-Agenten

Die wichtigste strukturelle Änderung kommt aus dem I/O: Google Search hört auf, eine Suchmaschine im klassischen Sinne zu sein. Statt einer Liste von Links, aus denen der Nutzer sich seine Antwort selbst zusammensucht, übernimmt die Suche künftig komplexe, mehrstufige Aufgaben eigenständig. Google nennt das “Agentic Search”: Die KI denkt nicht nur einen Schritt, sondern plant, recherchiert und synthetisiert mehrere Quellen, bevor sie eine Antwort liefert.

Das ist kein neues Konzept, Google hat mit den AI Overviews schon den ersten Schritt gemacht. Aber der Unterschied zu dem, was Google jetzt ankündigt, ist die Tiefe der Eigenständigkeit. Laut Google hat AI Mode, die KI-gestützte Sucherfahrung, bereits über eine Milliarde monatliche Nutzer. Das ist keine Pilotphase mehr.

Für SEO und SEA bedeutet das: Die Frage, wie und wo Inhalte und Anzeigen in diesem neuen Kontext ausgespielt werden, ist noch nicht vollständig beantwortet. Man muss schauen, wie sich das auf Klickraten und Sichtbarkeit in der Praxis auswirkt. Grundsätzlich gilt aber, dass Inhalte, die eine konkrete Frage klar und vollständig beantworten, in diesem Modell besser performen dürften als Inhalte, die auf Keyword-Dichte optimiert sind.

Gemini Omni: Das neue Flagship-Modell

Ebenfalls vom I/O: Google hat Gemini Omni vorgestellt, das neue Flaggschiff-Modell. Der wesentliche Unterschied zu bisherigen Modellen ist die vollständige Multimodalität. Gemini Omni kann Text, Bilder, Audio und Video nicht nur lesen, sondern auch produzieren, und das alles in einem Modell, nicht durch das Zusammenschalten verschiedener Spezialmodelle.

Was das konkret bedeutet: Man kann ein Bild hochladen und in natürlicher Sprache beschreiben, was man geändert haben möchte. Man kann einen kurzen Brief als Ausgangspunkt nehmen und direkt ein Video-Skript, eine Bildidee und einen Anzeigentext daraus generieren lassen. Das klingt nach dem üblichen KI-Hype, ist aber insofern relevant, weil Gemini Omni in diesem Sommer direkt in Google Ads integriert wird, konkret als Antrieb für Asset Studio.

Asset Studio: KI-Kreation direkt in Google Ads

Asset Studio ist Googles neuer zentraler Creative-Workspace innerhalb von Google Ads. Die Idee ist einfach: Marketer sollen nicht mehr zwischen verschiedenen Tools wechseln müssen, um Kampagnen-Assets zu erstellen. Stattdessen läuft alles in einer Oberfläche, angetrieben von Gemini Omni Flash.

In der Praxis bedeutet das: Brief eingeben, Markenrichtlinien hinterlegen, und das System generiert daraus kampagnenfähige Assets, also Bilder, Texte, Videos. Laut Google lassen sich Kampagnen damit signifikant schneller aufsetzen als bisher. Mal sehen, wie das in der Praxis aussieht, weil KI-generierte Creatives bisher nicht immer das geliefert haben, was in Pitches versprochen wurde. Aber die technische Grundlage mit Gemini Omni ist deutlich besser als alles, was vorher verfügbar war. Asset Studio mit Gemini Omni rollt noch diesen Sommer aus.

Neue Anzeigenformate für die KI-Ära der Suche

Beim Google Marketing Live wurden mehrere neue Anzeigenformate angekündigt, die speziell für die KI-gestützte Suche entwickelt wurden. Die relevantesten:

Conversational Discovery Ads sind Anzeigen, die in den KI-Antwortbereich der Suche integriert werden und sich an den Gesprächskontext des Nutzers anpassen. Wer also in AI Mode nach “Welches Mountainbike passt zu Anfängern unter 1.000 Euro?” fragt, bekommt nicht nur eine generierte Antwort, sondern kann direkt passende Produkte als Anzeige sehen, die sich auf die konkrete Frage beziehen.

Highlighted Answers gehen in eine ähnliche Richtung: Anzeigen, die im KI-Antwortblock erscheinen und erklären, warum ein bestimmtes Produkt zur Suchanfrage passt. Das ist ein konzeptioneller Shift von “Sichtbarkeit” zu “Relevanznachweis”.

Beide Formate setzen voraus, dass Kampagnen über Performance Max oder AI Max laufen. Wer noch auf klassische Kampagnentypen setzt, wird diese Placements nicht erreichen.

Universal Cart: Commerce über alle Google-Oberflächen

Eine der größten Ankündigungen für eCommerce-Unternehmen ist der Universal Cart. Google führt einen plattformübergreifenden Warenkorb ein, der über Google Search, die Gemini App, YouTube und Gmail hinweg funktioniert. Nutzer können Produkte auf jeder dieser Oberflächen in den Warenkorb legen, der Warenkorb trackt automatisch Preisentwicklungen und Verfügbarkeitsänderungen, und der Kaufabschluss kann direkt bei Google oder beim Händler stattfinden. Klarna und Affirm sind bereits als “Buy now, pay later”-Partner integriert. In den nächsten Monaten sollen Hotelbuchungen und lokale Essensbestellungen folgen.

Für DACH-Händler gilt allerdings eine wichtige Einschränkung: Der Universal Cart startet primär in den USA und einigen weiteren englischsprachigen Märkten wie UK, Kanada und Australien. Für Deutschland und den DACH-Raum gibt es aktuell kein festes Rollout-Datum. Das ist bei Google-Commerce-Features keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Die USA bekommen das Feature, testen es ein bis zwei Jahre, und dann folgt der Rest der Welt mit Verzögerung.

Was deutsche Händler trotzdem jetzt tun sollten: die Hausaufgaben im Merchant Center erledigen. Saubere Produktdaten, vollständige Attribute, korrekte Versandkonfigurationen. Wer technisch vorbereitet ist, wenn das Feature in DACH ankommt, hat einen Vorteil gegenüber denen, die dann erst anfangen. Das Feature selbst kann man aber erst mal aus der Ferne beobachten.

Ask Advisor: Ein KI-Agent für Google Ads, Analytics und Merchant Center

Ask Advisor ist Googles neuer übergreifender KI-Agent für Marketer. Er verbindet Google Ads, Google Analytics, Merchant Center und die Google Marketing Platform in einer einzigen Oberfläche und liefert proaktiv Empfehlungen, ohne dass man sich durch verschiedene Dashboards klicken muss.

Die Idee dahinter ist sinnvoll: Wer heute verstehen will, warum eine Kampagne schlechter performt, muss Daten aus Google Ads, Analytics und dem Merchant Center manuell zusammenführen. Ask Advisor soll das automatisch erledigen und direkt Handlungsempfehlungen liefern, von der Kampagnenoptimierung bis hin zum Hinweis auf Produktdatenprobleme im Feed.

Aktuell ist Ask Advisor in Beta verfügbar, zunächst nur für englischsprachige Accounts. Laut eigener Aussage von Google soll die Verfügbarkeit in den nächsten Monaten ausgeweitet werden.

Meridian: Marketing Mix Modeling in Analytics 360

Ebenfalls neu: Google integriert Meridian, sein Marketing Mix Modeling Tool, direkt in Analytics 360. Das bedeutet, dass Werbetreibende mit Analytics 360 künftig nicht mehr nur auf attributionsbasierte Daten angewiesen sind, sondern auch auf Modellierungen, die den tatsächlichen Einfluss verschiedener Kanäle auf Umsatz und Conversions abschätzen.

Das ist insofern relevant, weil klassische Attribution in einer Welt mit Consent-Anforderungen und cookielosen Umgebungen immer lückenhafter wird. Meridian arbeitet mit Modellen, die auch dann funktionieren, wenn nicht jede einzelne Customer Journey vollständig trackbar ist. Für Budgetentscheidungen dürfte das mittelfristig eine wichtigere Rolle spielen als das, was klassische Last-Click-Attribution liefert.

DSA-Migration im September 2026: Das sollte jetzt auf den Radar

Die KI-gestützte Personalisierung transformiert das Kundenerlebnis grundlegend. Studien zeigen, dass 71% der Der praktisch wichtigste Punkt vom Google Marketing Live ist kein neues Feature, sondern eine Deadline. Dynamic Search Ads (DSA), also die regelbasierten Suchanzeigen, bei denen Google automatisch passende Seiten aus der eigenen Website als Grundlage für Anzeigen verwendet, werden im September 2026 verpflichtend auf AI Max migriert.

AI Max ist der Nachfolger, der deutlich mehr Kontrolle an Googles KI übergibt: Keyword-Matching, Zielgruppen und Assets werden stärker automatisiert. Wer bisher mit DSA gearbeitet hat und klare Vorstellungen davon hatte, welche Seiten für welche Suchanfragen ausgespielt werden sollen, muss sich damit auseinandersetzen, was diese Migration konkret bedeutet. Die September-Deadline ist nicht weit weg. Hilft nur nicht, wenn man das im August zum ersten Mal liest.

Fazit: Google automatisiert die Execution, nicht die Strategie

Die Ankündigungen von I/O und Google Marketing Live 2026 folgen einem klaren Muster: Google übernimmt zunehmend die Ausführungsebene, also Keyword-Matching, Asset-Generierung, Gebotsoptimierung und Messung. Was bleibt, sind Ziele, Budgets, Markenvorgaben und strategische Einschätzungen.

Das ist keine schlechte Entwicklung, solange man versteht, was das bedeutet. Wer Kampagnen heute noch primär auf Basis manueller Keyword-Listen und fixer Anzeigentexte führt, wird mittelfristig in einem System arbeiten, das für diesen Ansatz nicht mehr optimiert ist. Wer dagegen lernt, mit KI-gestützten Kampagnentypen und den neuen Messmodellen umzugehen, hat einen echten Vorteil.

Die DSA-Migration im September ist der konkreteste Handlungspunkt für alle, die Google Ads schalten. Der Rest der Ankündigungen ist relevant, aber größtenteils noch nicht ausgerollt. Man sollte es im Blick behalten, muss aber nicht sofort reagieren.